Michal Glowinski
Eine Madeleine aus Schwarzbrot
(Originaltitel: Magdalenka z razowego chleba).

Jüdischer Verlag bei Suhrkamp
Frankfurt am Main 2003
gebunden, 220 Seiten
ISBN: 3-633-54184-5


Preis:  19.90   EUR

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Der verschüchterte Pan Kowalski
„Eine Madeleine aus Schwarzbrot“: Michal Glowinskis polnische Skizzen

Als der Erzähler eine Madeleine, ein muschelförmiges Gebäck aus Sandteig, in einen Löffel Lindenblütentee taucht, steigen mit dem Duft plötzlich Erinnerungen auf an eine Kindheit und Jugend, die er beschreibt und die Marcel Proust berühmt machen wird, unter dem schönen, für vieles zitierbaren Titel Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Die Madeleine ist berühmt geworden (auch wenn sie so gut meist gar nicht schmeckt), dabei hatte Proust zunächst ein ganz ordinäres Stück geröstetes Brot in einer Tasse Tee aufgeweicht. Erst später hat er das Szenario etwas preziöser gestaltet.

Auch für Michal Glowinski ist eine Madeleine wohl zu preziös. Er war nicht der Sohn reicher Eltern, der sich in ein gut ausgestattetes Zimmer zurückziehen und die Literatur revolutionieren konnte. Seine Familie wurde von den Deutschen ins Arbeitslager, dann ins Warschauer Ghetto gesteckt, schließlich ermordet. Er selbst überlebte in einem katholischen Kloster, immer verschweigend, daß er Jude war, immer gefährdet, immer unauffällig. Glowinskis Madeleine ist ein Stück Schwarzbrot: „Auch träumt man in Zeiten des Hungers nicht von Petit-Fours, sondern von einer Scheibe trockenen Brotes.“
So wie Brot im und nach dem Krieg in Polen keine Selbstverständlichkeit war, sind auch Glowinskis Erinnerungen außergewöhnlich. Glowinski ist in Polen ein bekannter Literaturwissenschaftler. Er hat die Geschichte Nachkriegspolens von 1945 bis heute am eigenen Leibe miterlebt. Und er ist Jude, also ein stets gefährdet gewesener Mensch, auch nach der Schoa. Denn der Antisemitismus hörte nie auf.
In zwanzig kleinen Episoden erzählt Glowinski, angestoßen durch seine Schwarzbrot-Madeleine, von seinen Erinnerungen, von kleinen Erlebnissen, die ganze historische Epochen in einem winzigen Moment entfalten. Zum Beispiel von der Lehrerin, die es nicht ertragen kann, wenn Zeitungen auf der Erde liegen, in denen Väterchen Stalin oder Parteibonzen abgebildet sind: Zu schnell könnte jemand drauftreten. Ist doch egal? Nicht für Frau Orlowska. Oft erzählt sie davon, daß sie verschleppt worden ist, „in eine Gegend, wo es entsetzlich kalt“ war. Sie hat Todesangst. Nicht nur um sich, sondern auch um die Schulkinder, denen etwas passieren könnte.
Oder da sind - nach der Wende - die Frauen im Zug. Die eine klärt ihre Mitreisenden auf, wen sie gefälligst zu wählen haben, daß die Kommunisten und ihre Helfer nur das Verderben des Landes im Sinn hätten, und redet dabei ganz genauso wie die Parteiagitatoren von einst. Als der Erzähler fragt, was sie denn zum Sturz des Kommunismus beigetragen, ob sie Widerstand geleistet habe, ist sie empört: „Was hätte ich denn machen sollen? Hätte ich mich etwa in Gefahr bringen sollen?! Das wäre ja noch schöner!“
In einer anderen Episode berichtet eine Frau von der Schoa, voller grausiger Details, von den Straßenexekutionen, den Spontanmorden, den Deportationen: „Während sie von diesen Scheußlichkeiten erzählte, nahm ihr Gesicht einen Ausdruck großer Würde an. Wenn man damals ihre Worte aufgenommen oder aufgeschrieben hätte, wäre ein präzises Bild der Vernichtung in einem jener kleinen Orte entstanden, die nur selten oder nie von der Geschichte aufgesucht werden, ein Bericht, genau, faktenreich und erschreckend, in dem es keine großen Worte gab, nur das Pathos der Einfachheit.“ Doch zum Schluß dann erzählt die Frau, wie die Juden auf die Wagen gezerrt wurden und „schreckliche Verwünschungen gegen die Deutschen“ ausstießen, und sie sagt: „Oj, rachsüchtig sind diese Juden, so rachsüchtig ...“ Da wird sie „plötzlich zu einem anderen Menschen, aus ihrem Gesicht verschwand jeder Edelmut, und ihre Miene wurde bösartig, ja verächtlich.“
Dieser Wechsel der Einstellung und der Physiognomie erschüttert Glowinski. Fast etwas zu menschenfreundlich versucht er zu erklären, meint, daß diese Frau in zwei Welten lebt, in einer, in der sie sieht und hört, in einer anderen, „errichtet aus Stereotypen.“
Glowinski verurteilt nicht, er stellt nur fest und wundert sich. Mit dieser nie nachlassenden Sympathie und Sensibilität, mit feinem hintersinnigen Humor zeichnet er rußlanddeutsche Aussiedler auf ihrem Weg über Warschau nach Deutschland, beschreibt seine Reise zu dem Kloster, in dem er im Krieg versteckt war, erzählt vom befohlenen Trauerzug für Stalin 1953, der sich unter der Hand langsam zu einem fröhlichen Ereignis verwandelte, je länger er dauerte. Er erinnert sich an einen befohlenen „freiwilligen“ Arbeitseinsatz, bei dem es nicht an Willen, aber an Spaten mangelte, an seinen Agitationsbesuch in einem Armenviertel, an Pan Kowalski, der so verschüchtert aussah, daß er vielleicht ein überlebender Jude war.
Immer wieder erinnert Glowinski sich an sein eigenes Leben, das in kleinen Szenen plötzlich wieder auftaucht. Diese Szenen beschreibt er fast wie von außen, nur daß man beim Lesen weiß, daß es nichts Erfundenes ist. Diese Kunst, Erinnerungen so sein zu lassen wie sie nun einmal sind, verlangt viel. Autobiographen greifen gerne ein, kom-mentieren, wollen Recht behalten. Glowinski läßt es sein. Er erzählt scheinbar konventionell, manchmal tut er naiv, aber das täuscht. Seine Prosa ist sehr überlegt, und das oft genug, ohne daß man es merken würde. Die distanzierten Erinnerungsschnipsel und Wahrnehmungs-Schnappschüsse sind so reflektiert, daß sie gelegentlich eine Kühle annehmen, die trotzdem von viel Sympathie durchdrungen ist, Sympathie nicht nur für den Jungen und Mann, der Glowinski einmal war, sondern auch für alle anderen leidenden Polen, die sich haben verbiegen lassen oder sogar mitgeholfen haben. Dabei schont Glowinski sich selbst nicht. Keine Selbstverklärung oder „Ich-war-schon-immer-ein-jüdischer-Märtyer“-Haltung, sondern schmerzhafte Selbstsuche und -findung: „Ich würde gerne meine eigene Haltung von damals rekonstruieren, doch es fehlt mir dafür an verläßlichen Anhaltspunkten. Ich beuge mich immer wieder über den Brunnen der Erinnerung, doch manchmal finden sich in diesem Brunnen bloß unbestimmbare, labile, schwer greifbare Stoffe, die Verwirrung hervorrufen und private (und nicht nur private) Mythen und Illusionen stiften.“ Diese Ehrlichkeit ist wohl die größte Poesie in diesem Buch.
Was leider fehlt, sind Erläuterungen zu Daten und Personen, die unerklärt benannt werden: Was war im März 1968 in Polen los? Wer war Mitschurin? Was ist die Rakowicka? Das hätte dem Buch nicht wehgetan, dem Leser hätte es geholfen. Kein Lektor anwesend?
von  Georg Patzer
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