Anetta Kahane
Ich sehe was, was du nicht siehst
Meine deutschen Geschichten

Rowohlt Verlag
Berlin 2004
gebunden, 352 Seiten
ISBN: 3-87134-470-2


Preis:  19.90   EUR

in den Warenkorb    


eVote:Σ 1 - (1147)

Sprache & Stil
Look & Feel
Preis-
Gesamtnote

Meinung abgeben

In der Antifaschismusfalle
Anetta Kahanes Erinnerungen

Es gibt ein beliebtes Gesellschaftsspiel, bei dem einer der Mitspieler etwas sieht, das für die anderen zwar ebenfalls sichtbar ist, von ihnen aber nicht als das zu Sehende erkannt wird. Auf langen Bahnfahrten kann dieses Spiel durchaus unterhaltsam sein und vor allem bei Kindern für Kurzweil sorgen. Im Leben der Erwachsenen jedoch machen sich Wut und Ärger breit, wenn Mitmenschen ein Phänomen nicht erkennen wollen, das doch gar zu offensichtlich ist.

Die in Berlin lebende Menschenrechtsaktivistin Anetta Kahane hat ihre Autobiographie nach diesem Kinderspiel benannt: Ich sehe was, was du nicht siehst. Sie sieht den Ungeist unserer Zeit – Rechtsextremismus, Ausländerhaß, Antisemitismus –, und es erzürnt sie und macht sie traurig, daß die meisten ihrer Zeitgenossen das nicht wahrnehmen. Klug analysiert sie die Entwicklung der gesellschaftlichen Zustände in den neuen Bundesländern seit der Wiedervereinigung und prangert die Blindheit vieler Deutschen gegenüber braunem Ungeist an.
Zu den ersten Kapiteln des Buches, in denen Anetta Kahane ihre Kindheit, Jugend und das frühe Erwachsenenalter in der DDR beschreibt, paßt der Name des Ratespiels allerdings denkbar schlecht. Denn sie sah vieles nicht, was andere junge Menschen in der DDR – zugegeben, es waren wenige – gesehen haben.
Anetta Kahanes Eltern waren, wie eine Reihe anderer deutsch-jüdischer Kommunisten nach der Schoa, aus der Emigration in den „antifaschistischen Teil Deutschlands“ gekommen, in die DDR, der sie trotz deren eigener antisemitischer Tendenzen die Treue hielten. Der Vater arbeitete als führender Auslandskorrespondent für das SED-Zentralorgan Neues Deutschland. Von Berufs wegen war er oft auf Reisen, die Mauer war für ihn nicht undurchlässig. Die Familie lebte längere Zeit in Indien und Brasilien. Durch die häufigen Auslandsaufenthalte ließ es sich in der DDR erträglich leben, die Kahanes genossen Privilegien. Über ihr Judentum sprachen die Eltern kaum, der DDR-Nomenklatur entsprechend waren sie „VdN“, Verfolgte des Naziregimes.
Für Anetta Kahane bildeten Eltern und DDR-Staat eine Einheit. Ihr Engagement für die DDR galt ihr als Kampf gegen den Faschismus. „Antifaschismusfalle“ nennt sie im nachhinein das Druckmittel der Eltern, das die Kinder der Schoa-Überlebenden zwang, „sich im Land der Täter mit dem DDR-Sozialismus zu arrangieren“. Interessanterweise richtet sie diesen Vorwurf aber an die Adresse der DDR und nicht an die ihrer Eltern. Der Leser spürt, daß es ihr auch heute noch schwer fällt, diese zu kritisieren.
Daß Anetta Kahane ihre Memoiren bereits als Fünfzigjährige schreibt, liegt wohl weniger an ihrer Namhaftigkeit als daran, daß ihr Engagement für das DDR-Regime sie heute zu Erklärungen treibt. Als junge Frau war sie etliche Jahre informelle Mitarbeiterin der Staatssicherheit. Dieser Problematik widmet sie in ihrem Buch zwei Kapitel. So erzählt sie, wie sie Anfang der siebziger Jahre, als sie die Zeit zwischen Abitur und Studium mit einem Volontariat beim DDR-Auslandssender Radio Berlin International überbrückte, für die Stasi angeworben wurde. Leider bleiben dabei einige Details im Dunkeln. So spart sie beispielsweise aus, welche Gegenleistung sie für ihr Engagement erhielt und öffnet damit Raum für Spekulationen. Schade auch, daß Kahane die Stasi-Mitarbeit bagatellisiert und ihre Reflexionen darüber sich zum Teil widersprechen. Dennoch ehrt es die Autorin, daß sie sich zu ihrer Geschichte bekennt.
Der Leser begleitet Anetta Kahane bei ihrer Entwicklung von der angepaßten, staatstreuen DDR-Bürgerin zur engagierten Menschenrechtsaktivistin nach der Wende. Als sie Anfang der achtziger Jahre von einem Arbeitsaufenthalt in Mosambique zurückkehrt, weiß Anetta Kahane, daß sie sich mit der realen DDR nicht mehr identifizieren kann. Sie hat erkannt, daß der Rassismus in vielen Ostdeutschen und in der DDR als Staat verwurzelt ist. Sie schreibt: „Wenn die DDR keine Garantie gegen Rassismus und Antisemitismus war, hatte sie ihre Legitimation für mich verloren.“ Nachdem sie 1982 ihre Stasi-Mitarbeit quittiert hatte, forderte sie sich „eine resolute Haltung und ein striktes Hinterfragen“ ab. Und das bis heute.
Anfang der neunziger Jahre, als die neuen Länder für Gastarbeiter und Migranten wenig übrig hatten, gründete Anetta Kahane die Regionalen Stellen für Ausländerfragen (RAA) und den Arbeitskreis Roma und Sinti. Über viele Seiten hinweg erzählt sie von ihrem Kampf für eine demokratische Alltagskultur und schildert ihre Bemühungen, ihre Gesprächspartner dazu zu bewegen, den wachsenden Rechtsradikalismus und Antisemitismus in Deutschland wahrzunehmen. Deshalb vor allem möchte man dem Buch trotz mancher Ungereimtheiten im ersten Teil viele Leser wünschen, die sich von Anetta Kahane die Augen öffnen lassen.
von  Tobias Kühn
  Artikel versenden Seite drucken