Kirchner
Wolfgang Mönninghoff
Enteignung der Juden.
Wunder der Wirtschaft. Erbe der Deutschen.

Europa Verlag
Hamburg 2001
Hardcover, 304 Seiten
ISBN: 3-203-80075-6


Preis:  19,90   EUR

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Ein Volk auf Diebestour
Wolfgang Mönninghoffs Geschichte der „Arisierung“



„Warum dieses Buch? Es begann mit Zorn.“ So beginnt der Filmproduzent und ehemalige Rowohlt-Pressechef Wolfgang Mönninghoff sein neuestes Buch, das die Enteignung der Juden im Nationalsozialismus zum Thema hat. Der Autor macht mit dieser Einführung deutlich, daß er das Buch aus persönlicher Betroffenheit, Trauer, Wut und der Enttäuschung über eine nur scheinbar heile Nachkriegsjugend verfaßt hat. „Ich bin 1940 in Düsseldorf geboren und aufgewachsen, habe also die Enwicklung des Wirtschaftswunders aus ziemlicher Nähe miterlebt und manchen der Akteure durchaus ganz naiv bewundert“, bekennt Mönninghoff im Vorwort.
Solche mit viel persönlicher Betroffenheit verfaßten Bücher sind oft nicht die besten. Steht doch oftmals die Moral des Verfassers im Mittelpunkt. Doch Mönnihoffs Buch ist lesenswert, weil es ihm als Nichthistoriker gelingt, die lange beschwiegene Geschichte der sogenannten Arisierung, vom Radau-Antisemitismus der SA, wie er sich beim Boykott jüdischer Geschäfte um den 1. April 1933 austobte, bis zur Versteigerung der Haushaltsgegenstände der in die Vernichtungslager deportierten Juden in den vierziger Jahren, faktenreich aufzuarbeiten.
Der Begriff „Arisierung“ hat sich auch in der Nachkriegszeit weitgehend erhalten, obwohl er ein beschönigender Nazibegriff für die dem Massenmord vorausgehende Ausraubung der jüdischen Bevölke- rung ist. Die Namensliste der Arisierer liest sich wie das Who is Who der deutschen Industrie- und Geschäftswelt. Karstadt, Horten, Quelle, Neckermann, Abs, Flick und Mannesmann sind nur einige Beispiele. Viele diese Fälle waren in den letzten Jahrzehnten Gegenstand öffentlich geführter Auseinandersetzungen.
„Staat und Bank - Hand in Hand“ übertitelte die Tageszeitung Junge Welt deshalb vielleicht ihre Rezesion des Buches und reproduzierte damit ein lange gehegtes linkes Vorurteil, das Mönninghoff gerade auszuräumen versucht. Der systematische Raub jüdischen Eigentums beschränkte sich eben nicht nur auf die großen Namen der Industrie und Geschäftswelt, wie spätestens seit Wolfgang Dreßens bahnbrechender Ausstellung Deutsche verwerten ihre jüdische Nachbarn bekannt sein müßte. Vom Kölner Oberbürgermeister über das juristische Seminar der Bonner Universität, bis zur kinderreichen deutschen Arbeiterfamilie machten alle Volksgenossen ihr Schnäppchen mit dem Eigentum der deportierten Juden. Mönninghoff weist auf regionale Unterschiede bei dem Ausrauben der jüdischen Bevölkerung hin. So war man in München und Nürnberg immer ein Stück beflissener bei der Durchführung antijüdischer Maßnahmen als im übrigen Reich. Das ist allerdings kein Persilschein für andere Städte. Für das als „weltoffen“ geltende Hamburg etwa kommt der Historiker Frank Bajohr zu dem Schluß: „Das Eigentum von insgesamt dreißigtausend jüdischen Haushalten ist in Hamburg versteigert worden - und allzu viele machten mit.“
Nur knapp geht Mönninghoff unter der prägnanten Übersicht „Der ‘Führer’ ging - die Nazis blieben“ auf die Nachkriegszeit ein. „Es war eine bittere Erfahrung vieler Opfer, daß nicht einmal das Personal ausgewechselt wurde. Derselbe Beamte, der die Verwaltung des restlichen Besitzes geregelt hatte, saß nun als ‘Fachmann für Judensachen’ im ‘Wiedergutmachungs’-Amt“ Einer dieser „Spezialisten“ war Ernst Féaux de la Croix, der in der Nazizeit für die Akademie für Deutsches Recht eine Denkschrift über Rasse, Volk, Staat und Raum in der Begriffs- und Wortbildung verfaßt hatte und in der BRD als Ministerialbeamter an der Entstehung der Entschädigungsgesetze maßgeblich miwirkte. Noch 1985 schrieb er über die Restitution jüdischen Eigentums ganz im alten Jargon, das „Weltjudentum“ gesteuert durch seine „Zentralen“, habe Konrad Adenauer beim Luxemburger Abkommen die Hand beim Schreiben geführt, die „jüdische Presse“ habe deutsche Unterhändler als Nazis diffamiert und die Deutschen mit Bombendrohungen und Massendemonstrationen erpreßt. Wer Mönninghoffs Buch gelesen hat, weiß, daß de la Croix nicht der einzige Deutsche war, der den Juden Auschwitz nicht verziehen hat.
von  Peter Nowak
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