Kirchner

Vorbei ... Dokumentation jüdischen Musiklebens in Berlin 1933-1938.
11 CDs, 1 DVD, 516-seitiges Buch

Bear Family Records,
Holste-Oldendorf 2001
ISBN: 3-89795-825-2


Preis:  245,42   EUR

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"La Cucaracha" im Synagogenkeller
Eine imposante Edition dokumentiert das musikalische Schaffen
Eine imposante Edition dokumentiert das musikalische Schaffen des Jüdischen Kulturbundes 1933-1938




Bei aller Vorsicht mit Superlativen - die Edition Vorbei ... Dokumentation jüdischen Musiklebens in Berlin 1933 - 1938 ist im Wortsinn ein Opus Magnus: Das etwa sechs Kilo schwere Werk enthält elf CDs und eine DVD, auf denen sich zweihundertfünfzig Musikstücke und ein Film befinden. Allein das einmalige Hören der CDs dauert vierzehn Stunden. Dazu kommt ein reich bebilderter und in jeder Hinsicht detaillierter Katalog, der mehr als fünfhundert Seiten umfaßt.
Und das sind nur die Äußerlichkeiten. Diese Edition liefert die Glanzleistung, verloren geglaubte jüdische Musik ab 1933 zu vergegenwärtigen, ab jenem Zeitpunkt also, als jede Form jüdischer Kunstausübung in Deutschland nur noch im Rahmen des Jüdischen Kulturbundes erlaubt war. Diese "ghettoisierte" Kunstproduktion war auch und gerade innerhalb der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland stark umstritten, Kurt Tucholsky hat es gewohnt scharf formuliert: "Sie spielen in streng geschlossenen Theatern, isoliert wie Leprakranke, und ich höre bis hierher: Jetzt werden wir ihnen mal zeigen, daß wir das bessere Theater haben! Sie hören nichts, sie sehen nichts. Sie merken nichts."
Aber nicht nur die "Ghettoisierung" war im Kulturbund ein heiß diskutiertes Problem, sondern auch die Frage, was denn überhaupt jüdische Kultur sei. Auch die Nazis hatten damit Definitionsprobleme, denn zunächst konnte ein durchaus deutsch-bürgerliches Programm die Zensur passieren. Ab 1935 allerdings wurden dem Kulturbund zuerst Werke von Wagner, Beethoven, Mozart und Händel verboten, bis ab 1938 nur noch jüdische oder ausländische Komponisten gespielt werden durften. Diese Entwicklung zeichnet sich auch auf den CDs ab; die Stücke sind in der Folge ihrer Veröffentlichung geordnet. Es gehört zur Qualität des Katalogs, daß er neben Fotos, Songtexten und biographischen Angaben auch die Aufnahmesituation vor Augen führt. Nicht nur der Sänger Willy Rosen, sondern auch das komplette Tanzorchester Sid Kay's Fellows mußte 1935, wie es heißt, im "Keller einer Synagoge" untergebracht werden.
Der Großteil der Aufnahmen erschien damals bei zwei Schellackplattenverlagen, der hebräischen Buchhandlung des Hirsch Lewin mit der Marke Semer und im Spezial-Radio-Haus Lukra des Moritz Lewin mit der Marke Lukraphon. Letztere steht repräsentativ für das breite musikalische Œuvre des Kulturbundes, weil hier neben jiddischen Volksmelodien, zionistischen Liedern, Gesängen mit klassischem Repertoire und konzertanten Stücken auch Schlager und Chansons verlegt wurden. Auf Semer dagegen erschienen vor allem volkstümliche jiddische Stücke und kantorale Gesänge. Neben diesen beiden gab es noch einige wenige Aufnahmen mit Kulturbundkünstlern der Marken Achva und Bema mit meist zionistischen Liedern, die ausschließlich in Palästina und Ländern der Diaspora vertrieben wurden. Welche editorische Arbeit in Vorbei steckt, wird deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, daß die hier wiedergegebenen Schellackplatten seinerzeit in Kleinauflagen erschienen, im Falle ihrer Lagerung oftmals Opfer von Kriegseinwirkungen wurden und außerdem nicht zur ersten Wahl an Gepäckstücken zählten, die ins Exil gerettet werden konnten. Dennoch ist es gelungen, alle derzeit bekannten und zugänglichen einschlägigen Musiktitel in der Edition zu vereinen. Lücken entstanden dort, wo die Herausgeber auf Kulturbundkünstler wie etwa den Schauspieler Alfred Berliner trafen, der nicht mehr an die damalige Zeit erinnert werden wollte und sich rigoros verweigerte.
Zunächst aber bestand die Schwierigkeit des Projekts darin, sich überhaupt einen Überblick über die Gesamtproduktion aller musikalischen Veröffentlichungen zu verschaffen, die im Zusammenhang mit dem Kulturbund zwischen 1933 und 1941, dem Zeitpunkt seiner Auflösung, entstanden waren. Henryk M. Broder, der schon zu den treibenden Kräften der Ausstellung Geschlossene Gesellschaft 1992 über die Geschichte des Jüdischen Kulturbundes in der Berliner Akademie der Künste gehört hatte: "Tatsächlich hatten wir keine Ahnung, daß es in Montevideo und Oakland, in Bogota und Boston, in Phoenix und Seattle überlebende Zeugen und Dokumente gab. Es kam nur darauf an, sie zu finden. Alles übrige war einfach."
Ob es wirklich einfach war, sei dahingestellt - vergnüglich war es ganz sicher, wenn man hört, was die elf CDs in musikalischer Hinsicht bieten - von Jazz und Tanzmusik, über klassische Stücke, jiddische und zionistische Lieder bis zu synagogale Gesängen. Da ist die hinreißende Dora Gerson, deren Walzer Vorbei dem Projekt den Namen lieh. Gerson war übrigens bis 1936 mit Veit Harlan verheiratet, der 1940 den Hetzfilm Jud Süß inszenierte. Ihre Spur verliert sich in Auschwitz. Ein weiterer Höhepunkt der Edition sind Willy Rosens Schlager, darunter die Rumba La Cucaracha oder ein Tango mit dem heute nicht mehr ganz politisch korrekten Titel Negerbübchen.
Unter den klassischen Werken sticht die Hebräische Melodie von Joseph Achron heraus, die in Form eines Films erhalten geblieben ist, der auf der DVD Platz gefunden hat. Die in historischer und dramaturgischer Hinsicht interessanten Außenaufnahmen wurden im Winter 1934/35 in der Jerusalemer Altstadt gemacht, die dem Geigenvirtuosen Andreas Weisgerber als stimmungsvolle Kulisse bei seiner Interpretation von Achrons Komposition diente.
Neben Unterhaltungsmusik und Klassik liefert die Edition eine große Reihe an kantoralen Gesängen. Wenngleich Schabbatlieder dominieren, so ist doch die gesamte Palette religiöser jüdischer Musik vertreten: Sugen, Mi-Sinaiweisen, synagogale Gesänge, Mussafgebete, Tischlieder, Purim- und Chanukkalieder. Zu den Interpreten gehört Joseph Blumberg, der 1946 nach Israel auswanderte und dort an der Welturaufführung von Darius Milhauds Oper David mitwirkte. Von Blumberg stammt auch die atemberaubende Einspielung des Kaddisch, bei dem der lyrische Bariton die gesamte Bandbreite seiner Sangeskunst nutzt, indem er beispielsweise die Stücke in der Stimmlage eines Countertenors beendet. Zu hören ist auch Gerschon Sirota, der Oberkantor von Warschau und einer der ersten Kantoren, von dem überhaupt Plattenaufnahmen gemacht wurden. Und nicht zuletzt Israel Bakons Lieder, grandiose Beispiele der hohen Kunst der Improvisation darstellen. Anhand des umfangreichen Materials wird nicht zuletzt der Unterschied zwischen west- und ostjüdischer Improvisationskunst deutlich. In Osteuropa dominierte Sologesang, wobei dem von russisch-orthodoxer Kirchenmusik beeinflußtem Chorgesang lediglich begleitende Funktion, zukam. Anders dagegen in Westeuropa, wo der Chor, in den der Sologesang eingebettet war, im Einfluß neo-romantischer Musik des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts stand.
Für jeden Geschmack ist auf dieser Edition etwas dabei, ob man sie als vielgestaltige Liedersammlung hört oder als Dokumentation zur deutsch-jüdischen (Musik-)Geschichte. Das Werk beweist auch sechzig Jahre nach der Entstehung der Musikaufnahmen, daß es dort, wo es kein Vergessen, auch kein "Vorbei" gibt, kein Ende der Geschichte, sondern Fortbestand und Zukunft, wie Rabbiner David Polnauer im Katalog anmerkt. So ist der mißverständliche Titel Vorbei vor allem eines, trefflich verkehrt gewählt. Der Dank für diese editorische Meisterleistung gebührt neben den Herausgebern vor allem dem Verlag: Bear Family Records in Holste-Oldendorf bei Bremen hat siebenhundertfünfzigtausend Mark eigenes Geld in das Projekt gesteckt. Das ist umso beachtlicher, als dieses Label mit Jüdischem ansonsten nichts am Hut hat, sondern auf klassischen US-Pop, Folk und Countrymusic spezialisiert ist. Geschäftsführer Richard Weize hofft halb-ironisch: "Die Kosten für Vorbei holen wir mit unserer neuen Ricky-Nelson-Kassette wieder rein!"
von  Jonathan Scheiner
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