Revital Ludewig-Kedmi
Opfer und Täter zugleich?
Moraldilemmata jüdischer Funktionshäftlinge in der Shoah.

Psychosozial-Verlag
Gießen 2002
Kartoniert, 368 Seiten



Preis:  20,35   EUR

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Überlebt weil schuldig - schuldig weil überlebt
Revital Ludewig-Kedmis Studie über die moralischen Dilemmata jüdischer KZ-Kapos



Schätzungsweise zehn Prozent der Häftlinge in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern bekamen von den SS-Wachmannschaften Aufsichtsposten zugewiesen. Sie mußten diverse Ordnungsaufgaben erfüllen und erhielten dafür meistens irgendwelche Vergünstigungen, die in jener Situation mitunter von lebenswichtiger Bedeutung waren. Die korrekte Bezeichnung dieser Frauen und Männer lautet "Funktionshäftlinge". Die Nazis sprachen von "Kapos", dieser Begriff ist populär geworden und hat sich bis heute gehalten. Sein linguistischer Ursprung ist übrigens umstritten: Manche sehen darin eine Abkürzung des von der SS verwendeten Wortes "Kameradschaftspolizei", einige Autoren leiten "Kapo" aus dem italienischen Wort für Kopf ab; nach dem Duden schließlich ist "Kapo" eine Kurzform der französischen militärischen Rangbezeichnung "Caporal".
Über die jüdischen Kapos hört man in Israel, aber nicht nur dort, die schlimmsten Dinge: "Sie waren sogar schlimmer als die Nazis!", erzählten Überlebende oft. Verdienen die Kapos ihren schlechten Ruf oder muß ihr negatives Image korrigiert werden?
Eine eindeutige Antwort auf diese Frage gibt die israelische Psychotherapeutin Revital Ludewig-Kedmi in ihrer umfangreichen Berliner Doktorarbeit, die jetzt in überarbeiteter Form unter dem Titel Opfer und Täter zugleich? erschienen ist. Im Vorwort bemerkt die heute in der Schweiz lebende Autorin: "Auch ich hatte das Bild der 'bösen Kapos' im Kopf, bis ich die ersten Funktionshäftlinge traf und ihre schwierige Zwischenposition als Opfer und Täter verstehen lernte." Im Epilog äußert Ludewig-Kedmi den Wunsch, ihre Studie möge zu einer Veränderung der einseitigen Wahrnehmung der Kapos beitragen. Das Plädoyer der Autorin für eine Revision des Bildes der Kapos ist überzeugend. Unter ihnen gab es üble Verbrecher, aber auch sehr anständige Menschen, die Bruno Bettelheim ganz ohne Ironie "Superkapos" nannte.
Ludewig-Kedmis sorgfältig gearbeitete psychologische Dissertation werden nicht nur Fachkollegen interessant finden. Sie beschreibt und analysiert die Lebensgeschichten von drei Frauen und einem Mann, die Kapos waren und heute in Israel leben. Sie arbeitet die spezifischen Konflikte im Leben der von ihr interviewten Personen heraus und rückt deren Moraldilemmata in den Mittelpunkt der Untersuchung. Den Kernbegriff erklärt die Autorin wie folgt: "Eine Person steht vor einem Moraldilemma, wenn sie zwei Werte verfolgen möchte, die aber auf der Handlungsebene nicht gleichzeitig durchführbar sind, da sie sich gleichzeitig ausschließen." Ein Beispiel zur Illustration: Ran Channoch gab zu Protokoll, er hätte 1943 aus dem Ghetto Theresienstadt fliehen können - aber diese Flucht hätte das Leben seiner Eltern, seines Bruders und seiner Freunde gefährdet.
Die Leitfrage der Untersuchung lautet: Wie leben ehemalige Funktionshäftlinge mit den damaligen Moraldilemmata heute? Es geht Ludewig-Kedmi aber nicht nur um die seelischen Probleme der ehemaligen Kapos; sie hat auch den Einfluß der Moraldilemmata auf das Leben der zweiten Generation, also der nach der Schoa geborenen Kinder untersucht. Wenn man vergleicht, was die Eltern berichten und was ihre Kinder erzählen, erkennt man einige Differenzen, die für Psychologen aufschlußreich sind.
Aus den Geschichten, die die KZ-Häftlinge Jahrzehnte nach der Verfolgung erzählt haben, hat die Autorin rekonstruiert, welche Verarbeitungsformen die Interviewpartner entwickelt haben, um sich nach den durchlebten Moraldilemmata wieder als moralisch zu erleben; sie spricht von "Bewältigungsstrategien". Gelingt es einer Person nicht, erfolgreiche Bewältigungsstrategien aufzubauen, besteht die Gefahr, daß sie an der Last ihrer Moraldilemmata zerbricht (eine Interviewpartnerin von Ludewig-Kedmi beging kurz nach Ende der Verfolgungszeit einen Suizidversuch).
Eine Vielfalt an Korrekturstrategien war im zusammengetragenen Material auszumachen. So kam es etwa bei einer Frau zu einer Überbetonung der Erzählungen, in denen von ihrer Hilfe die Rede war, und zu einer Nichterwähnung von möglichen Schäden, die sie anderen Häftlingen zugefügt hatte. In einem anderen Fall war die Korrekturstrategie der Bagatellisierung zu beobachten.
Eine Strategie, die Ludewig-Kedmi bei Vertretern der zweiten Generation festgestellt hat, bezeichnen Psychoanalytiker als "Spaltung": Kinder von Funktionshäftlingen übernehmen die in der israelischen Gesellschaft herrschende negative Beurteilung der Kapos, aber gleichzeitig beurteilen sie die Tätigkeit ihrer Eltern für die Deutschen als moralisch. Bei den untersuchten Familien hat die Verfasserin folgende Gesetzmäßigkeit erkannt: "Je mehr Probleme die erste Generation bei der Bearbeitung ihrer Moraldilemmata hat, desto mehr Bewältigungsarbeit muß seitens der Familie geleistet werden. Das heißt, wenn die individuellen Bewältigungsstrategien der ersten Generation nicht ausreichen, um die durch die Moraldilemmata entstandene psychische Belastung zu mildern, sind familiäre Bewältigungsstrategien nötig."
Es ist schon viel über die merkwürdige Tatsache geschrieben worden, daß Überlebende der Schoa unter der sogenannten Überlebensschuld leiden. Nicht alle, aber viele - in der Fachliteratur ist der Prozentsatz umstritten. Ludewig-Kedmi kommt zu der folgenden Erklärung: "Da fast alle Holocaust-Überlebende vor Moraldilemmata standen, gehe ich davon aus, daß ihre Schuldgefühle auf die Tatsache zurückzuführen sind, daß sie aufgrund der Dilemmata gezwungenermaßen zentrale Werte ihrer subjektiven Moralphilosophie verletzten mußten." Wie kommt es aber, daß nicht alle Überlebenden an Schuldgefühlen leiden? Die Autorin nennt zwei Gründe: "(a) Wenn die Person im Fall der Moraldilemmata das Gefühl hat, loyal und / oder solidarisch gehandelt zu haben, und (b) wenn die Person über die Zeit hinweg erfolgreiche Bewältigungsstrategien im Umgang mit den Moraldilemmata entwickelt hat."
Es lohnt sich nicht nur für Fachpsychologen, diese Studie durchzuarbeiten. Weil Revital Ludewig-Kedmi die Seelenprobleme der Kapos konsequent aus einem Grundkomplex (Moraldilemmata) ableitet, der alle Menschen angeht - "Wertkonflikte gehören zum menschlichen Dasein" -, ist es möglich, aus ihren Untersuchungen Lehren zu ziehen, die man in verschiedenen Lebensbereichen anwenden kann. Dieses Buch sollte nicht nur im Rahmen von Holocaust-Studien gelesen werden.
von  Yizhak Ahren
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